"Explotación" Comunal - Das Baumprojekt.

In Costa Rica gibt es ein vom Gesetz vorgeschriebenes Projekt für die Schüler der 10. Klassen, ohne das niemand das "Bachilerato", dem Abitur vergleichbar, bekommen kann. Früher ging es bei dieser Arbeit, genannt "Trabajo Comunal" ( etwa: Arbeit für die Gesellschaft) darum, den Menschen in der Stadt zu helfen, etwas Gutes zu tun und die eigene soziale Position wertschätzen zu lernen. Die Schüler sollten in 30 Stunden etwas, was sie selber können, anderen beibringen; für die Stärkung der costaricanischen Kultur im Land arbeiten oder in Institutionen wie Altersheimen oder Kindergärten helfen. In den letzten Jahren ist dieser Sinn allerdings ein wenig verloren gegangen und das Projekt hat unter den Schülern einen neuen Namen bekommen: "Explotación Comunal" ( Ausbeutung für die Gesellschaft).

Da ich in diesem Jahr ganz normale Schülerin in Costa Rica bin, muss auch ich an diesem Projekt teilnehmen. Zuerst war ich voll und ganz damit einverstanden, denn mit 4 Freundinnen hatten wir mehrere nette Ideen. Doch dann fingen die Probleme an: unser erster Plan, im Krankenhaus zu helfen, wurde von der Schulleitung abgelehnt, weil wir etwas erarbeiten sollten, was mit der costaricanischen Kultur zu tun hat. Aber auch der 2. Vorschlag, ein kleines Museum über die Geschichte und Sitten Nicoyas in der Schule zu errichten, wurde nicht akzeptiert. Diesmal war die Begründung, wir sollten etwas innerhalb der Schule erarbeiten. Um sie Elemente "anderen etwas zeigen", "Schule" und "Kultur" zu verbinden, reichten wir als 3. Projektausarbeitung eine AG "Typische Costaricanische Tänze" für die Grundschüler ein. Diesmal waren wir uns ziemlich sicher, dass unsere Arbeit allen gestellten Anforderungen gerecht würde, doch auch dieser Vorschlag wurde abgelehnt, ohne erkennbaren Grund. Schliesslich wiesen uns ein paar Elftklässler, die sich vor einem Jahr in der gleichen Situation wie wir befanden, darauf hin, dass der Sinn der "Trabajo comunal" von den meisten Schulen dahin verändert wurde, dass man nicht der Gesellschaft, sondern der Schule etwas Gutes tun soll. Also erarbeiteten wir einen 4. und letzten Vorschlag: Die Grünzonen der Schule verschönern. Dieses Projekt wurde sofort unter Freude angenommen und wir wurden für die gute Idee beglückwünscht. Uns allen bleibt zwar bis heute unverständlich, auf welche Weise ein paar Bäume auf dem Schulhof der Gesellschaft helfen, aber so verzweifelt wie wir waren, blieb uns keine andere Wahl. Als wir allerdings am ersten Ferientag die Zone, die uns zugewiesen wurde, genau betrachteten, verstanden wir den Namen "Explotación Comunal": Das, was Peter Lustig seinen "Unkrautgarten" nennt, ist ein perfekter englisches Golfrasen gegen die Wildnis, die wir in ordentlich bepflanzte Zonen verwandeln sollten. Erschwerend kam noch hinzu, dass wir eine reine Mädchengruppe waren und mit höchst spartanischer Ausrüstung arbeiten mussten: 2 Rechen, 2 Kinderschaufeln, eine Machete und eine "Macana" (ein langer Eisenstab zum Löcherausheben). Die erste Hälfte unserer 30 Stunden kämpften wir eigentlich nur gegen den Ort, den man augenscheinlich 20 Jahre als Müllkippe der Schule missbraucht hatte, und den wir "el infinito" (die Unendlichkeit) tauften. Nach 15 Stunden Arbeit (natürlich auf mehrere Tage verteilt) schafften wir es endlich, die darunter verborgene Erde zum Vorschein zu bringen - der Rest der 300 Meter, die uns noch fehlten, erschien dagegen wie ein Sommerpicknick. Als wir auch diese von Steinen, Dreck und Unkraut befreit hatten (wobei noch das Wetter erschwerend hinzukam: die Arbeit in der pralle Sonne sorgte für den 2. "Sonnenbrand meines Lebens", begannen wir, Löcher zu graben und kleine Heckensätzlinge einzupflanzen. Weitere 5 Stunden, viele Blasen an den Händen uns Ameisenbisse später setzten wir endlich das letze Pflänzchen und alles was noch zu tun blieb, war das Verbrennen der Abfälle. Einige Mitgleider der Gruppe hatten grosse Lust, das lustig flackerende Feuer auf die Schule zu lenken, die uns so schamlos ausgebeutet hatte, um keinen Gärtner bezahlen zu müssen. Letzendlich überlegten wir uns dann aber, dass uns das warscheinlich nicht wie erhofft eine Statue mit unseren Namen auf dem Schulhof einbringen würde; die Bekämpfung der "Unendlichkeit" aber vielleicht doch. Denn die Schulleiterinnen waren hellauf begeistert, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, den Zaunbereich, der seit mehr als 5 Jahren nicht mal mehr einen Rasenmäher gesehen hatte, in eine halbe Parkanlage zu verwandeln. Wirklich gelohnt hat sich die Arbeit für uns allerdings nicht: Bis die Planzen gewachsen sind, wird wohl keiner von uns mehr diese Schule besuchen. Aber eine andere Gruppe von Schülern kann in 3 Jahren ihre "Ausbeutung" damit verbringen, unsere Bäumchen zu hegen uns zu pflegen. Die Gesellschaft muss wohl warten.

14.7.07 00:28

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