Möglichst viel, möglichst oft, möglichst ungesund. Costaricanische Essgewohnheiten.

Ein altes Vorurteil der AFS-Austauschschüler besagt, wer nach Costa Rica geht, müsse sich auf ArrozFrijolesSiempre (zu deutsch: Reis, Bohnen, Immer) einstellen. Eine Aussicht, die mich doch etwas beunruhigte. Seitdem ich hier bin, weiss ich, dass ich die Frage, ob das den wirklich so wäre, mit einem klaren "Jein" beantworten kann.

Auf die tradionelle Küche trifft das definitiv zu. So wird in manchen Familien so exessiz das typische Frühstück "Gallo Pinto" (schwarze Bohnen und Reis, angebraten mit Koriander, Zwiebeln und Paprika) gegessen, dass eine deutsche Austauschschülerin sogar das "Vater Unser" anzweifelte. (Sie fragte sich, ob die Costaricaner die Bitte "unser tägliches Brot gib uns heute" nicht erlicherweise in "unser tägliches Gallo Pinto gib uns heute" umändern müssten) Brot ist allerdings wirklich etwas, was man als Deutscher hier vermisst. Es gibt zwar Baguette und Toastbrot, aber die Vielfalt, mit der man sich in einer deutschen Bäckerei konfrontiert sieht, wird man hier wohl vergeblich suchen. Ausserdem wird Brot nicht als volle Mahlzeit angehen: Als ich am ersten Morgen am Frühstückstisch einfach nur Brot mit Marmelade essen wollte, blickte ich in entsetze Gesichter. "Das wäre doch kein Frühstück!" Angesichts dessen und der Marmelade hier bin ich also von dieser Angewohnheit abgewichen: dieser höllisch süsse Glibber, auf dem steht, er hätte etwas mit Obst zu tun, lässt mich jeden Morgen aufs Neue von der selbstgemachten Erdbeermarmelade meiner Mutter träumen. Das Frühstück, das als wichtigste Mahlzeit des Tages angesehen wird, hat also mit dem deutschen nichts gemein und ist wohl am ehesten mit  dem englischen zu vergleichen: neben "Gallo Pinto" findet man meist Rührei, Tortillas, gebratene Würstchen, Avocado, gebratene Kochbananen oder sogar Fleisch mit Sosse auf dem Tisch. Zum Glück wird dieses Bankett in meiner Gastfamilie aber nur am Wochenende aufgetischt, denn morgens um 6 Uhr habe ich doch ein bisschen Probleme mit dieser Fülle an Essen. Weil es meiner Gastschwester aber genauso geht, haben wir uns auf Cornflakes für das Frühstück geeinigt.

Die Ticos essen immer. Eigentlich den ganzen Tag lang. So wird also in der Schule spätestens in der ersten grosse Pause das 2. Frühstück eingenommen, dass ebenfalls nichts mit den Käsestullen zu tun hat, die ich aus Deutschland für diesen Zweck gewohnt bin. Hier ist es üblich, sich am Schulkiosk etwas warmes zu kaufen, wobei man die Auswahl zwischen Tacos, Hamburgern, Frikadellen mit Tortilla und "Empanadas" hat. Bei diesen "Empanadas" handelt es sich um gebackene Teigtaschen mit köstlicher Füllung aus Hühnchen, Kartoffeln, Käse und Schinken oder natürlich Reis oder Bohnen, von denen mein durchschnittlicher Mitschüler schonmal 3 an einem Morgen verputzt.

Zum Mittagessen wird in den meisten Familen "Casado" (zu deutsch: verheiratet) serviert, das wohl typischte Gericht in Costa Rica. Es besteht aus Reis, Bohnen, Salat oder Gemüse, Tortilla und irgendeiner Art von Fleisch, Fisch oder Hühnchen. Sonst gibt es auch die leckeren "Picadillos", eine spezielle Zubereitungsart von Kartoffeln, "Tamales", Bananenblatt gegarte Mischung aus Maismehl, Reis, Gemüse und Fleisch, oder einfach bunten, gebratenen "Arroz con..." (Reis mit....), welcher mit Hühnchen, Thunfisch, Fleisch oder Gemüse zubereitet werden kann. Was man hier also vergeblich sucht, sind die in Deutschland so beliebten Eintöpfe oder Aufläufe - das Essen hier besteht immer aus meheren verschiedenen Komponenten. Zum Mittagessen trinkt man "Fresco", frisch gemachten Fruchtsaft aus dem Obst, das gerade im Haus ist (meist aus Mango, Zitrone, Orange, Cas, Carambola, Tamarindos oder allem zusammen).

Auch zum Abenbrot wird in Costa Rica warm gegessen, und war der Einfachheit halber meist die Reste vom Mittagessen etwas umgeformt. Wenn es zum Beispiel mittags "Casado" mit Hünchen gab, wird das Abendessen wohl "Arroz con" Hühnchen sein.

Nach dem wirklichen Abendessen, also gegen 21.00 Uhr, wird oft noch eine Art Nachtisch gegessen: das kann Obst sein, frisch aus dem Garten gepflückt, Eis, Wackelpudding, gefülltes Gebäck oder "Tres Leches". Bei diesem wohl traditonellsten Nachtisch handelt es sich um die himmlische Versuchung eines Kuchens mit Kondensmilch, Milchpulver, Sahne und Karamell.

Die Ticos nehmen aus einem mir unerklärlichen Grund trotz diesem Haufen an Essen, dass sie jeden Tag verputzen, kein Garmm zu. Ein biologisches Wunder, mit dem ich leider nicht gesegnet bin. Zum Gück gibt es in Nicoya keine Busse, sodass ich sehr viel zu Fuss gehen muss. Deshalb kann ich mir diese süssen Sünden doch manchmal erlauben.

2.7.07 00:45

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